Klug entscheiden ... in der Angiologie

Die Deutsche Gesellschaft für Angiologie – Gesellschaft für Gefäßmedizin (DGA) ist bestrebt, die Qualität der Patientenversorgung sicherzustellen und zu verbessern. Die DGA ist daher Partnerin der Initiative „Klug entscheiden“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zur Stärkung der Indikationsqualität bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen (Kasten).

Die „Klug entscheiden“-Empfehlungen beziehen sich auf Maßnahmen, die von besonderer medizinischer Bedeutung sind und nach Expertenmeinung häufig nicht fachgerecht erbracht werden. Positive „Klug entscheiden“-Empfehlungen sprechen Aspekte der Unterversorgung an und negative „Klug entscheiden“-Empfehlungen Aspekte wahrscheinlicher Überversorgung. Dabei bedeutet eine Unterversorgung nicht, dass diagnostische oder therapeutische Maßnahmen nicht zur Verfügung stehen. Sie werden nur nicht ausreichend eingesetzt, obwohl sie nachweislich für den Patienten sinnvoll sind. Demgegenüber bezeichnet Überversorgung Maßnahmen, die häufig durchgeführt werden, obwohl sie nachweislich nicht nutzbringend oder sogar schädlich sind. Die Identifikation von Überversorgung und Unterversorgung leitet sich in der Regel evidenzbasiert von Publikationen klinischer Studien ab. Die Auswahl der Empfehlungen spiegelt aus der Sicht der Expertengruppe die Häufigkeit wider, mit der Fehlbehandlungen im klinischen Alltag vorkommen. Nach Anamnese und klinischer Untersuchung hat in der angiologischen Diagnostik der Ultraschall die größte Bedeutung. Mittlerweile ist durch die klinische Weiterbildung und Fortbildungsmaßnahmen der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) sowie der weiten Verbreitung moderner Geräte die Expertise gesichert, dieses Verfahren erstrangig und den anderen bildgebenden Verfahren vorgeschaltet einzusetzen.

Ein weiterer Schwerpunkt der DGA-Empfehlungen berührt die Patientensicherheit. Hier geht es neben der kompetenten Abwägung bei der Indikation zur Langzeit-Antikoagulation in der Sekundärprophylaxe auch um klare Hinweise zu Situationen, in denen Eingriffe in das Gerinnungssystem ohne erkennbaren Nutzen das Blutungsrisiko erhöhen. Schließlich liegen auch die Empfehlungen zu arteriellen Eingriffen und Venenoperationen auf dieser Linie. Nicht alles Machbare auch zu machen, kann langfristig den größeren Vorteil für den Patienten darstellen. Der Gedanke an Prävention spielt zwar auch bei der arteriellen Verschlusskrankheit eine wichtige Rolle, äußert sich aber ganz konkret in der Empfehlung zum Screening auf das Bauchaortenaneurysma bei über 65-jährigen Männern. Eine weite Verbreitung dieser Maßnahme sollte dazu führen, die Todesfallrate an dieser Erkrankung in absehbarer Zeit deutlich zu reduzieren.

Die Mitglieder des Vorstandes und Beirates der DGA wurden aufgefordert, Vorschläge für „Klug entscheiden“-Empfehlungen aus dem Bereich der Angiologie einzureichen. In Abstimmung mit allen Mitgliedern dieser Gremien und zahlreichen weiteren Angiologen, denen die Thematik am Herzen liegt, wurden die vorliegenden fünf Positiv- und fünf Negativ- „Klug entscheiden“-Empfehlungen ausgewählt und konsentiert. Sie wurden in einer ersten Konsensuskonferenz diskutiert, bei der Repräsentanten der zwölf mit der DGIM assoziierten Fachgesellschaften zugegen waren. Nach einer Überarbeitung erfolgte die einstimmige Validierung durch die Konsensuskonferenz.

Diskussion

Die aufgeführten „Klug entscheiden“- Empfehlungen wurden aufgrund klarer wissenschaftlicher Evidenzen abgegeben. Die DGA hält im Sinne einer optimalen Patientenversorgung die richtige Durchführung der entsprechenden Maßnahmen für besonders wichtig. Die Autoren sind der Meinung, dass die adressierten diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen bisher häufiger nicht fachgerecht erbracht wurden. Durch eine Korrektur kann die Verbesserung der Patientenversorgung erreicht werden.

Von der vorliegenden Positiv- Empfehlung zum Ultraschall-Screening auf Bauchaortenaneurysma für über 65 Jahre alte Männer sowie der vorliegenden Negativ-Empfehlung, dass bei asymptomatischer PAVK eine prophylaktische Gefäßrekonstruktion nicht erfolgen soll, sind derartige Impulse zu erwarten. Aus der Versorgungsforschung liegen jedoch bisher kaum belastbare Daten zur Häufigkeit der adressierten Über- und Unterversorgung vor. Hier sieht die DGA eine Aufgabe für zukünftige Versorgungsforschungsprojekte.

Die „Klug entscheiden“-Empfehlungen sollen darüber hinaus eine Basis für die Intensivierung einer transparenten Arzt-Patienten- Interaktion darstellen. Sie sind keine Richtlinien, sondern als Indikationshilfen anzusehen und entbinden behandelnde Ärztinnen und Ärzte nicht von Individualentscheidungen, die begründet auch von der Empfehlung abweichen können.

Prof. Dr. med. habil. Reinhardt Sternitzky, Deutsche Gesellschaft für Angiologie – Gesellschaft für Gefäßmedizin (DGA

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