Chronisches Koronarsyndrom und Bewegungstherapie
Patienten mit kardiovaskulärem Risiko oder chronischem Koronarsyndrom sollten eine Bewegungstherapie erhalten.
Das chronische Koronarsyndrom ist durch eine zunehmende Ablagerung atherosklerotischer Plaques und funktionelle Veränderungen der Koronarzirkulation ein dynamischer Prozess, der durch Lebensstiländerung beeinflusst werden kann1. Die körperliche Aktivität ist ein durch viele Studien mit über 2 Millionen Probanden evidenzbasierter Bestandteil der kardiovaskulären Primär- und Sekundärprävention2 - 3. So belegt eine prospektive Kohortenstudie eine 14%-ige Mortalitätsreduktion bei wöchentlichem Ausdauertraining von 90 min4.
Die Ergebnisse des Honolulu Heart-Programms (HHP) verdeutlichen eine Risikoreduktion für das Auftreten eines kardiovaskulären Ereignisses bei regelmäßiger körperlicher Aktivität je nach Intensität und Dauer5.
Im Rahmen großer Metaanalysen der Cochrane-Datenbank wurde gezeigt, dass durch Trainingsinterventionen die Gesamtmortalität von KHK-Patienten um 27% (Risikoreduktion 0,73; 95-%-KI 0,54–0,98) und die kardiale Mortalität um 31% (Risikoreduktion 0,69; 95-%-KI 0,51–0,94) reduziert wird6.
Die aktuelle ESC-Leitlinie zu Sportkardiologie und Bewegung bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfiehlt bei Gesunden, Patienten mit Herzerkrankungen und Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren ein regelmäßiges aerobes Training von mindestens 150 Minuten an 3-5 Wochentagen mit moderater Intensität oder mindestens 75 Minuten mit hoher Intensität (Klasse I/A)7. Zusätzlich sollte zum Aufbau der Muskelkraft ein Krafttraining an 2-3 Tagen der Woche (40-60 % der Maximalkraft) mit 8-10 verschiedenen Übungen und 10-15 Wiederholungen durchgeführt werden (Klasse I/B)8 - 9.
Bei Patienten über dem 65. Lebensjahr empfiehlt die Leitlinie ein zusätzliches Gleichgewichtstraining zur Sturzprophylaxe und Koordinationsverbesserung (Klasse I/B)7. Ziel der Trainingsintervention sollte die Verbesserung der symptomfreien körperlichen Belastbarkeit, muskulären Fitness und metabolischen Fitness , psychischen Stabilisierung ,sowie die Verbesserung der Lebensqualität sein10 - 11.
Der Trainingsplan sollte gemeinsam mit dem Patienten nach dem FITT-Konzept (frequency, intensitity, time and type) individuell, risikoadaptiert und unter Berücksichtigung von Begleiterkrankungen erarbeitet werden7.
Zur Risikoabschätzung bei Patienten mit gesichertem chronischen Koronarsyndrom für das Auftreten belastungsinduzierter Rhythmusstörungen, Ischämien, Blutdruckreaktion und Trainingskapazität wird ein maximaler Belastungstest zum Trainingsstart empfohlen12.
Zur optimalen ärztlichen Trainingssteuerung sollte insbesondere bei Patienten mit Betablockertherapie die Borg-Skala Verwendung finden13 - 14.
Bedauerlicherweise sind nach Ergebnissen des Bundes-Gesundheitssurveys nur 25% der Erwachsenen regelmäßig körperlich aktiv, nur 13% bewegen sich entsprechend der medizinischen Empfehlungen zur Primärprävention an den meisten Tagen der Woche für mindestens 30 min auf moderatem Intensitätsniveau. Rund 45% der Erwachsenen treiben keinen Sport6. Grund für den Bewegungsmangel könnte fehlende Motivation und mangelnde ärztliche Beratung für den Patienten sein.
Neben gezielter individueller Beratung kann zusätzliche regelmäßige Trainingsbegleitung durch den Arzt die Versorgungssituation verbessern.
Der Einsatz moderner Technologien zur Erfassung körperlicher Aktivität und telemedizinscher Übertragung, wie Bewegungstracker, Sportwatches mit EKG-Aufzeichnung Apps und DIGAS werden in Zukunft für Arzt und Patient wichtige Bausteine in der Erhöhung der Compliance und Patientenmotivation sein.